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Universität der Bundeswehr München
Geschrieben von: Michael Koch
30. November 2010

Nutzungsoffenheit und Medium vs. Werkzeug

Seit dem Enterprise 2.0 Summit 2010 wird auf verschiedenen Kanälen verstärkt über „Nutzungsoffenheit“ als wichtigste Eigenschaft von Enterprise 2.0 Software gesprochen. Siehe z.B. http://byresearch.wordpress.com/2010/10/31/nutzungsoffenheit1/ und http://byresearch.wordpress.com/2010/11/13/nutzungsoffenheit2/

In der Sache stimme ich den Ausführungen voll zu. Mich als „alten CSCWler“ überkommt da aber ein Déjà-Vu.

Was meine ich damit? Die Eigenschaft von der hier unter dem neuen Begriff „Nutzungsoffenheit“ die Rede ist, wurde im Forschungsfeld CSCW schon vor langer Zeit in der Diskussion „Media vs. Tool“ / „Medium oder Werkzeug“ diskutiert (siehe z.B. http://www.ul.ie/~idc/library/papersreports/LiamBannon/5/EWHCI92.html oder neuere Betrachtungen unter http://www.kooperationssysteme.de/docs/pubs/Koch2008-bled-cscw_enterprise20.pdf).

In den frühen Jahren der CSCW-Forschung war häufiger davon die Rede, dass Groupware nicht nur für eine vorgedachte Nutzung ausgelegt sein sollte, sondern seine eigentliche Bestimmung häufig erst in der Adaption des Werkzeugs durch die Benutzer erfährt. E-Mail wurde in der CSCW-Literatur dazu immer als Paradebeispiel genannt. E-Mail als „einzige wirklich erfolgreiche Groupware“ wird heute ja für so viele Zwecke benutzt, für die es eigentlich nicht vorgesehen war. Und hier kam der Begriff „Medium“ auf. E-Mail ist nicht als Werkzeug zu sehen, mit dem man einen genau bestimmten Zweck erfüllen kann, sondern als Medium, über das der Benutzer verschiedene (auch noch nicht vorhergesehene) Zwecke realisieren kann.

Der Begriff „Medium“ gefällt mir dabei besonders gut, da er erstens die (Nutzungs-)Offenheit thematisiert und zweitens auch gleich eine Ausrichtung auf Interaktion und Kommunikation (oder genauer gesagt „Vermittlung“) vorgibt.

Gerade an E-Mail sieht man auch die Schattenseiten einer zu großen Nutzungsoffenheit: Einige Zwecke (wie z.B. Terminvereinbarung) können mit E-Mail zwar erfüllt werden, aber nicht gerade effizient … Hier ist also noch Platz für andere Werkzeuge oder gar andere Medien. Auch beim Einsatz von Social Software sollte man also immer wieder einmal kritisch hinterfragen, ob man das Medium effizient einsetzt, oder ob es sinnvoll wäre ein Nutzungsszenario durch ein anderes Medium (oder eine veränderte Nutzung) zu optimieren.

3 Antworten to “Nutzungsoffenheit und Medium vs. Werkzeug”

  1. 1
    Alexander Stocker schreibt:

    Hallo Herr Koch. Es scheint, als würden sich alle Themen immer wieder wiederholen. Was den Erfolg von „E-Mail“ durch „Nutzungsoffenheit“ betrifft, so hoffe ich, dass dieser auch den Enterprise-2.0-Technologien beschert ist. Viele Grüße, Alexander Stocker

  2. 2
    Social ist nicht Friede, Freude, Eierkuchen | trau.kainehm schreibt:

    […] den Interaktionen zwischen Nutzern. Enterprise2.0 Plattformen zeichnen sich besonders durch eine Nutzungsoffenheit aus, von Usability kann deshalb nur bei der Verwendung für bestimmte Aufgaben gesprochen werden. […]

  3. 3
    Karsten Ehms schreibt:

    Da kann ich nur zustimmen. Ich hatte vor einiger Zeit eine Definition von Medium gefunden, bei der genau diese „Unterdeterminiertheit“ zum Definitionsbestandteil des Medienbegriffs gemacht wurde. Trotz wiederholter Recherche, habe ich diese Definition leider nicht wieder gefunden. E-Mail hatte den Vorteil, dass es das erste „Breitenmedium“ der Internettechnologie war (und vermutlich noch ist). Da sich die benutzten Medien ausdifferenzieren wird es zunehmend schwieriger vorherzusagen, über welchen Kanal ich eine bestimmte Person mit hoher Wahrscheinlichkeit erreichen kann (E-Mail per default, ??? per default). Das unterscheidet die heutige Entwicklung von der damaligen.

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